Scania P230 EEV
20.01.2010
Schau Âgenau

Der Große macht´s vor, der Kleine darf wenigstens teilweise nachziehen. Im Windschatten der neuen R-Serie hat Scania die Verteilerfahrzeuge der P-Serie technisch kräftig aufgemotzt. Obwohl sie rein äußerlich mit unveränderter Frontpartie vom Band laufen, haben sie unter der Haube wesentliche Bestandteile der runderneuerten Fernverkehrsmodelle geerbt. Kein Wunder also, dass in unserem Testfahrzeug, einem Scania P230 in EEV-Ausführung, viele Details an den großen Bruder des 18-Tonners erinnern.
Das erste Opfer der Produktpflegemaßnahmen ist der linke Fuß des Fahrers, dem unter dem Lenkrad, genauso wie in den größeren Scania-Modellen, ab sofort nur mehr gähnende Leere empfängt. Auffallend lange hat es gedauert, bis sich Scania auch im Verteilerverkehr endlich vom heiß geliebten Kupplungspedal verabschiedet und die Unterbrechung des Antriebsstranges ganz in Händen der Opticruise legt. Warum man diese Entscheidung erst nach allen anderen Herstellern getroffen hat, ist nach einer ersten Runde mit dem neuen Getriebe umso unlogischer. Haben es die Scania-Techniker doch offensichtlich geschafft, die Schaltarbeit während der Fahrt noch weiter zu optimieren, und nebenbei den Kraftschluss beim Anfahren und Stehen bleiben in den durch und durch souveränen Wirkungsbereich des automatisierten Getriebes zu integrieren. Verabschieden wir uns also endlich von den ungewollten, Bocksprüngen, die viele Fahrer kurz vor dem Stehen bleiben durch die vergessene Kupplungsbedienung verursacht haben. Nachholbedarf bei der Getriebesteuerung gibt es dagegen beim Zurückschalten. Hier geht die neue Opticruise viel zu impulsiv ans Werk.
Von unten weg standfest
Dem unveränderten 5-Zylinder mit 9 Liter Hubraum scheint die direkte Verwandtschaft mit den legendären V8-Modellen aus Södertälje ausgesprochen gut zu tun. Schon am Papier ist er ein verkleinertes Abbild jener Motoren, die nicht nur hierzulande haufenweise als rüstige Kilometer-Millionäre durch die Gegend rollen. Mit 1.050 Newtonmeter maximalem Drehmoment, das von 1.000 bis 1.500 U/min parat steht, stellt er seine Standfestigkeit relativ bald zur Verfügung. Der Blick auf den Drehzahlmesser zählt dadurch bei Fahrten im moderaten Drehzahlbereich eindeutig mehr, als das subjektive, akustische Empfinden des Lenkers. An Passagen, wo wir längst manuell eingegriffen hätten, hat die neue Opticruise den Selbstzünder bis zur untersten Drehzahlgrenze ausgereizt und einige Gangwechsel überflüssig gemacht. Auf einen zweiten Betriebsstoff kann der 230 PS starke Motor übrigens wohlwollend verzichten. Er schafft sogar die strengen EEV-Grenzwerte mit rein innermotorischen Maßnahmen, ohne Abgasnachbehandlung. Die auf unserer neuen VerteilerÂteststrecke gesammelten Werte sind ob des schlechten Wetters, dreiviertel der Testrunde waren von starkem Regen und Windböen geprägt, zwar mit Vorsicht zu genießen. Der durchschnittliche Verbrauch von 24,29 Litern Diesel auf 100 Kilometer scheint unter diesen stürmischen Vorzeichen jedoch durchaus passabel zu sein.
Im Cockpit des Verteiler-Schweden zeugt vor allem der neue Armaturenträger von der erst im vergangenen Herbst in Angriff genommenen Produktpflege. Rund um das neue Multifunktionsdisplay (mit farbigem Scania Greif!) haben die Mannen aus dem Hohen Norden eine funktionale und nahezu selbsterklärende Arbeitsumgebung gebastelt. Ein kleiner Schönheitsfehler scheint nur beim Audio-Bereich passiert zu sein. Dort lässt sich das große Fahrzeugradio nämlich nicht mit dem (dann zu großen) Interactor-Display kombinieren. Genauere Informationen zum Fahrzeug und der gefahrenen Route sind, wie bei unserem Test-Lkw, dank hinter den Kulissen verlaufendem ISO-Bus ausschließlich über das Multifunktionsdisplay am Armaturenträger ablesbar. Vom elektronischen Schatten wieder zurück ins grelle Licht.
Das im Fahrzeugradio integrierte Navigations-System liefert sogar bei einem Maßstab von nur 50 Meter überraschend genaue Ergebnisse. Auch wenn es die Eigenheiten des Fahrzeuges, wie z.B. die Hauptabmessungen, noch nicht berücksichtigt, kann sich der Fahrer auf unbekanntem Territorium einen fundierten Überblick über seine nähere Umgebung verschaffen. In allen Lebenslagen des Verteilerverkehrs zum praktischen Helfer mausert sich die gleichermaßen aus der neuen R-Serie bekannte Anfahrhilfe Hill Hold.
Fazit: Auch wenn er auf´s neue Gesicht verzichten muss, bleibt die runderneuerte P-Serie im Windschatten der neuen R-Serie konstant auf Kurs. Bleibt nur die Frage offen, für welche epochale Neuheit wir uns ab sofort einsetzen sollen. Das Ende des Kupplungspedals hätten wir nach jahrelangen journalistischen Bemühungen ja endlich geschafft.

Artverwandt – in Anlehnung an die bulligen 8-Zylinder lädt auch der verbaute 5-Zylinder zum Âmoderaten Dahin gleiten ein
+Opticruise endlich ohne Kupplungspedal Â
+ansprechender neuer Armaturenträger
+schafft EEV ohne zweiten Betriebsstoff
–Facelift von außen nicht erkennbar
–großes Fahrzeugradio verbannt Interactor
–Opticruise: Nachholbedarf beim ÂZurückschalten
Verbrauchstabelle Scania P230 EEV
Testroute: St. Pölten (A1) » Ybbs (B25) » Scheibbs (B29) » St. Pölten (B20/A1)
Wegstrecke (km): 109,1
Fahrtdauer (h): 1:48:18
Verbrauch (l) Diesel: 26,5
Ø-Geschw. (km/h): 60,28
Ø-Verbrauch. (l/100 km) Diesel: 24,29
>> Technische Daten
Motor: Scania DC9 35, 9 Liter Hubraum, 169 kW (230 PS) bei 1.900 U/min, 1.050 Nm bei 1.000 bis 1.500 U/min
Getriebe: Scania Opticruise GRS895
Abmessungen (L/B/H): k. A.
Radstand: 4,90 m
Kabine: Scania CP16L
Gewicht (aufgebaut): 9.160 kg
Testverbrauch: 24,29 l/100 km
Besonderheiten: erster Scania Verteiler-Lkw mit Opticruise ohne Kupplungspedal

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